Rollentausch im Rotlicht (HAZ 2.6.12)

Rollentausch im Rotlicht
Torsten Fuchs
Was auffällt, schon von Weitem, ist ihr Gang. Es ist ein ungewöhnlich gerader Gang, und Thalia ist nicht klein, daher wirkt dieser Gang fast wie eine Demonstration. Zu dem Kleid und der braunen L ederjacke trägt sie sehr hochhackige Schuhe, und man könnte sagen: Diese Schuhe lassen ihr keine andere Wahl, sie muss so gehen. Aber vielleicht symbolisiert dieser Gang ja auch eine Haltung. Wenn sie über die Gründe spricht, warum sie diese Arbeit macht, dann sagt sie: „Das ist für mich ein Beruf wie jeder andere. Und ich habe ihn mir selbst ausgesucht.“ Kein Wort von Zwang. Das ist, das weiß sie, für manchen auch noch immer eine Provokation. Thalia ist ein Pseudonym, ihr, sagen wir: Berufsname. Ihren wahren Namen verrät sie nicht, ansonsten jedoch mutet sie sich demnächst ein auch für sie sehr ungewöhnliches Maß an Öffentlichkeit zu. Sie beteiligt sich an einer Aktion, die heute, am sogenannten Welthurentag, zum ersten Mal vorgestellt wird und die in den kommenden Monaten in Hannover sehr viel Aufmerksamkeit finden dürfte: Eine Gruppe von vier Künstlern verwandelt einen Teil des Historischen Museums in einen Rotlichtbezirk und macht umgekehrt aus einer Table-Dance-Bar am Steintor ein fiktives Museum. Beide, Bar und Museum, werden für diese Zeit durch eine Linie aus Millionen von Preisetiketten miteinander verbunden. Die Künstler stellen sich und ihre Werke im Milieu aus. Thalia geht den umgekehrten Weg: Sie, die Prostituierte, stellt sich in dieser Zeit im Museum aus. Ein doppelter Rollentausch, bei dem sie wohl den mutigeren Schritt macht. Sie wird, für eine gewisse Zeit, ein Gesicht der Prostitution in Hannover sein. „Ich möchte mit meinem Schritt anderen Sexarbeiterinnen Mut machen, zu ihrer Arbeit zu stehen und für ihre Rechte einzutreten“, sagt sie. Wenn es darum geht, wer sie ist, dann muss man unterscheiden: zwischen einem Wesen namens Thalia und der Frau dahinter. Als Thalia bietet sie im Internet ihre Dienste an, auf Seiten, die „kaufmich“ heißen oder ähnlich eindeutige Namen tragen. 30 Jahre ist diese Thalia alt, sie komme ins Hotel oder Büro, verspricht sie dort, umgeben von freizügigen Bildern, und diese Thalia hat für Kunden eine eigene Biographie. Single ist sie dann, ungebunden, stets fröhlich, „ein wenig verrückt“. Eine Männerphantasie. „Prostituierte“, diesen Begriff mag sie nicht. „Geliebte auf Zeit“, so bezeichnet sie sich selbst. Diese Thalia muss man sich als eine Art Kunstfigur vorstellen, eine Rolle. Nur gibt es eben auch noch eine reale Person dahinter, deren Geschichte sie mit dieser Rolle nicht vermischen darf. Dass sie einen gar nicht mehr so jungen Sohn hat, das hat sie ganz wenigen jener Männer erzählt, mit denen sie zum Teil auch mal ein Wochenende verbringt. Dass sie verheiratet war und einen neuen Freund hat, der mit dem Job seiner Partnerin durchaus seine Probleme hat, das hat dann schon gar keinen Platz. Die sozusagen reale Thalia hat früher als Eventveranstalterin gearbeitet, hat früh ein Kind bekommen, geheiratet und ihren Beruf aufgegeben. Sie und ihr Mann waren schon getrennt, als sie vor zwei Jahren in einem Online-Netzwerk ein unmoralisches Angebot erhalten hat. Ein Unbekannter habe ihr Geld dafür geboten, sich mit ihm treffen. Aus Neugier habe sie zugesagt. „Es hat mir Spaß gemacht“, beteuert sie heute. Und ihr sei auch rasch klar geworden, dass das möglicherweise eine lukrative Art des Geldverdienens sein könnte. Kein Druck, von niemandem – darauf besteht sie. Die selbstbestimmte deutsche Hure – ist das Fiktion? Wie repräsentativ ist sie für das Milieu? Das ist eine Frage, die Dorothee Türnau von der Prostituiertenberatung Phoenix schwierig findet. „Es gibt nicht das Milieu“, betont sie, und folglich auch keine typischen Vertreterinnen. Allerdings ist auch ihr bewusst, dass der Trend zuletzt ein anderer war. Rund 1500 Prostituierte arbeiten nach Polizeischätzungen derzeit in der Stadt, am Steintor, in Klubs und vor allem in rund 200 über die ganze Stadt verteilten Wohnungsbordellen. Rund zwei Drittel stammen aus dem Ausland, vor allem aus Bulgarien und Rumänien, von wo zuletzt immer mehr junge Frauen kamen. Von Autonomie kann da nur selten die Rede sein, meint Jörg Makel von der Polizei Hannover: „Wie soll ein 18-jähriges Mädchen aus Rumänien selbstbestimmt in einem Bordell in Hannover landen?“ Frauen wie Thalia sind nur eine Facette des Milieus auch in Hannover – dabei war es gerade Ziel des Prostituiertengesetzes, Rechte und Ansehen der Sexarbeiterinnen zu stärken. Seit 2002 haben die Frauen Anspruch auf Lohn, den sie auch vor Gericht einklagen können. Das Führen eines Bordells wurde legalisiert, damit die Zuhälter bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Nach gut zehn Jahren, zum „Welthurentag“ an diesem Sonnabend, fällt die Bilanz jedoch gemischt aus. „Ein Schritt in die richtige Richtung“, so lobt Türnau das Gesetz. Die großen Hoffnungen jedoch, die viele mit dem Gesetz verbanden, haben sich nicht erfüllt. Türnau kritisiert die halbherzige Umsetzung des Gesetzes, die Polizei wiederum vermisst stärkere Kontrollmöglichkeiten, wer überhaupt ein Bordell eröffnet. Ein Teil der osteuropäischen Frauen kann zudem nicht richtig lesen und schreiben, die Details eines deutschen Gesetzes erreichen sie nicht. Insgesamt haben nur wenige Frauen die Möglichkeit genutzt, sich und ihr Gewerbe offiziell anzumelden. Auch Thalia musste erkennen, dass die Wirklichkeit dem guten Willen des Prostituiertengesetzes hinterherhinkt. Als sie sich zum Beispiel krankenversichern wollte, stellte sie fest, dass fast alle privaten Kassen Prostituierte als Mitglieder ablehnen. Und auch um die Akzeptanz ihres Berufs ist es nicht wesentlich besser bestellt als früher. Thalia will nichts verheimlichen, die Freunde wissen Bescheid, womit sie Geld verdient. Die Reaktionen seien neutral, manchmal gar neugierig, sagt sie. Jedenfalls wenn sie dabei ist. Aber sie weiß, dass es auch eine anderen Ton gibt, sie sieht es bei ihrem Freund: „Es ist für ihn schwer, das zu akzeptieren.“ Umso wichtiger, sagt sie, sei nun die Aktion im Museum. Sie arbeitet ja auch deshalb nicht in einem Bordell, um sich nicht einfach auszustellen. Hier nun wird sie genau das tun. Menschen werden kommen, sie ansehen, vielleicht auch mit ihr diskutieren. Angst? Unwohlsein? „Nein“, sagt Thalia. „Ich bin ziemlich gespannt auf die Aktion.“
02.06.2012 / HAZ Seite 18 Ressort: HANN
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